Kunstscheune Radbruch

Ausstellungen für zeitgenössische Kunst

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Folter

8 Holzschnitte, 1998, Auflage 3 Stück

Folter ist etwas, was mich seit meiner Jugend immer wieder von neuem, meist unvorbereitet und schmerzhaft angerührt hat. War es im Konfirmandenunterricht noch das weit zurückliegende Leiden und Sterben Christi, waren es kurz danach ganz aktuell Frauen und Männer, die von französischen Soldaten in Algerien systematisch gefoltert und gequält wurden. Da wachte ich zum ersten Mal aus meiner behüteten Pennäler-Welt des humanistischen Gymnasiums auf und erschrak.

Bald darauf die Ausschwitz-Prozesse in Frankfurt/Main, die zu heftigen Wortwechseln und Redeverbot am elterlichen Tisch führten.

Es folgten in meiner Studienzeit die Massaker der US-Marines in Vietnam (My Lai), die Verbrechen der argentinischen Militärjunta in ihren Folterzentren von Buenos Aires, die Folter in Gefängnissen der griechischen Obristen, der türkischen Militärs, später des chilenischen Regimes unter General Pinochet nach Sturz der Allende-Regierung, die ganz legale Folter in Israel, die brutalen Massenmorde des Pol Pot-Regimes sowie willkürliche Auspeitschungen, Steinigungen, Verstümmelungen im Iran und in Saudi-Arabien, die Brutalität in Ruanda und Angola etc. etc. Wie ein roter Faden zieht sich das seither durch mein Leben; manchmal, plötzlich, trifft es mich unmittelbar, wenn ich z. B. lese, wie Jörg Ratgeb, Künstler und Anführer eines Bauernheeres im Schwabenland 1526 gemartert, zerstückelt und mit fast allen seinen Werken ausgelöscht wurde. Da gerät mein freiheitsliebendes und humanistischen Bildungsidealen verpflichtetes Herz in Aufruhr; da treibt es mich, Stellung zu beziehen und aufzuschreien!

So wurde ich getrieben und inspiriert zu diesen fürchterlichen Darstellungen, die zeigen, wie die systematische äußerliche und innerliche Zerstörung eines Menschen, seine langsame Auslöschung, von gewissenlosen Folterknechten exekutiert wird.

Die Bilder TORTURA I-VII sollen sein wie ein gellender Aufschrei in unserer oft besinnungslosen Geschäftigkeit!

Installation über eine Folterszenerie
Installation mit Holzskulptur eines Gefolterten

Als Installation waren sie zum ersten Mal während einer Ausstellung in Uelzen im Jahr 2000 zu sehen. Sie standen damals im Mittelpunkt einer Performance bei der Eröffnungsveranstaltung, die gemeinsam mit amnesty international stattfand. Längere Zeit hingen sie danach im Sitzungssaal von ai in Hamburg, dann wurden sie von ai bei verschiedenen Ausstellungen und Kongressen zum Thema Folter eingesetzt. Seit 2008 sind sie in Radbruch Bestandteil einer großen Installation mit dem Titel „Schwarze Folter“ (im Gegensatz zur „weißen Folter“, die keine sichtbaren Spuren hinterlässt, die Opfer aber psychisch quält und zerstört). Eine große Skulptur bildet jetzt den Kern der Folterdarstellung in einer Installation, die das Grauen und Abartige jeder Art von Folter ins Extreme steigern soll.

Als Anklage auch an die USA, die bei den Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozessen 1945–1946 feierlich erklärt hatten, nie wieder Gewalt an Menschen gegen deren Willen auszuüben.*

Die aber gerade Folterpraktiken der Nazis sich danach zu eigen machten und weiterentwickelten (z. B. Stehappelle im KZ, Psychopharmaka). Und die heute Folter in perfektionierter Form praktizieren, Folter durch die CIA in einem Netzwerk geheimer Gefängnisse in Europa und weltweit geschehen lassen und sogar Diktaturen mit entsprechenden Kenntnissen versorgen.

*Nürnberg Codex